Interview mit Gaby Schnell

 

15 Jahre lang war Gaby Schnell im Vorstand der Landesseniorenvertretung (LSV) NRW vertreten. 2009 wurde die Altenbergerin Vorsitzende. Nun, im Alter von 75 Jahren, kandidierte sie nicht wieder und legt ihren Schwerpunkt auf die Arbeit in Altenberge. Dort ist Schnell, die zum Ehrenmitglied des LSV gewählt wurde, Vorsitzende des Seniorenbeirats. Von Stillstand kann nicht die Rede sein. Schnell ist auch Vorsitzende der Kreis-Seniorenvertretung. Im Interview mit WN-Redakteur Martin Schildwächter zieht die Altenbergerin Bilanz:

Was ist die Zielsetzung der Landessenioren-Vertretung?

Gaby Schnell: Grundsätzlich ist das die Veränderung, das heißt die Verbesserung der Situation der älteren Menschen in NRW. Dadurch, dass die LSV über 70 Prozent der Älteren über 65 Jahre in NRW erreichen kann, ist sie ein wertvolles und hilfreiches Medium für die politischen Entscheidungsträger. Durch die LSV ist der Gesetzgeber „nahe am Volk“.

Was konnten Sie während ihrer Amtszeit umsetzen?

Gaby Schnell: Der erste Schritt ist jeweils die Erreichung der Wertschätzung einer neutralen ehrenamtlichen Organisation auf höherer Ebene. Das ist gut gelungen – auch bei wechselnden Regierungsmannschaften.

Können Sie einige konkrete Erfolge nennen?

Gaby Schnell: Wir schafften es sogar, dass die Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen um den § 27a erweitert wurde mit der Empfehlung, Seniorenvertretungen in den Kommunen zu installieren und in den Koalitionsvertrag der Landesregierung als „die Stimme der Älteren in Nordrhein-Westfalen“ auf genommen zu werden.

Welches Thema hat Sie besonders beschäftigt?

Schnell: Dazu gehört unter anderem die Altersarmut. Von der Regierung negiert, zerrissen und als Wichtigtuerei abgetan, verfolgte die LSV NRW dieses Thema verstärkt weiter. Bis nach etwa acht Jahren plötzlich Armut ein Thema wurde. Neue Statistiken belegten ganz offiziell, worauf die LSV schon jahrelang hingewiesen hatte. Wertvolle Jahre des Nichtstuns waren verstrichen, doch endlich war auch Altersarmut mehr als nur eine fixe Idee. Dass sich nunmehr etliche Politiker als „Erfinder des Themas“ rühmen….. nun, auch das habe ich immer wieder einmal erfahren können.

Auf welche Augenblicke blicken Sie besonders gerne zurück?

Schnell: Dazu gehört die Feier zum 25-jährigen Jubiläum der LSV im Düsseldorfer Landtag mit einer halbstündigen Tanzrunde im Plenarsaal mit demenziell Erkrankten, einem Tanzlehrer und Einbindung aller Anwesenden. Das war ausgesprochen berührend, weil alle Anwesenden (Landtagspräsident, Minister und Gäste) auf Augenhöhe demonstrierten, das Gemeinsamkeit stark macht und auch noch Freude bereitet.

Wurden Sie von Seiten der Politik auch ernst genommen oder mussten Sie viel Pionierarbeit leisten?

Schnell: Die Politiker waren oft zunächst skeptisch. Ich gewöhnte mir aber schnell an, nachzufragen und immer wieder nachzubohren. In diesem Zusammenhang habe ich etwas Wesentliches schnell begriffen: Teilhabe, also Beteiligung, sich einzumischen, sich zu interessieren, die eigene Meinung zu äußern, auch wenn sie nicht spektakulär ist, das alles schafft ein Gefühl von Freiheit. Diese Freiheit wurde mir immer mehr zum Ansporn und verblüffend stellte ich eine immer größer werdende Akzeptanz von Seiten meiner Kontrahenten fest. Dieser Weg, nur seinem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein und aus jeglicher Abhängigkeit herausgelöst agieren zu können, war sehr erfolgreich.

Gibt es Themen, die in Zukunft noch stärker in den Fokus der Landessenioren-Vertretung gerückt werden sollten?

Schnell: Es ist nicht an mir, Ratschläge für die Zukunft der LSV NRW zu machen. Wenn ich sie wüsste und in den 15 Jahren meiner Tätigkeit auf dieser Ebene nicht umgesetzt habe, hätte ich schlechte Arbeit geleistet. Sicher ist jedoch, es wird in Zukunft noch mehr ältere Bürgerinnen und Bürger geben, die mit Rente und Pensionen versorgt werden müssen, die an ihr Leben nach der Berufstätigkeit ganz andere Ansprüche stellen, als meine Generation, die in neuen Wohnformen leben wollen und sich mit neuen Techniken umgeben. Mein Wunsch ist es, dass wir einander mit Respekt begegnen und nicht wegschauen, wenn wir helfen können. Das gilt für alle Ebenen. Allen Menschen, die ehrenamtliche Unterstützung leisten, gehört unsere uneingeschränkte Anerkennung. Meckern gilt nicht – das ist zu einfach.

Sie haben jetzt mehr Zeit als Vorsitzende des Seniorenbeirates in Altenberge. Was sind dort die nächsten Projekte?

Schnell: O-Ton und Augenzwinkern von Bürgermeister Paus, als er erfuhr, dass ich demnächst wieder mehr Zeit für die den Altenberger Seniorenbeirat aufzuwenden plante: „Wie schön war die ruhige Zeit in Altenberge….“. Damit ist nun Schluss. Es wird turnusgemäß neue Wahlen am Jahresende geben und mit dem neuen Team gibt es sicherlich auch neue Themen: Wohnsituation in Altenberge, Unterstützungsmöglichkeiten im Alltag, die Mobilität der älteren Bürger, und immer wieder die Beobachtung der Gestaltung des Ortskern unseres Heimatortes. Es wird spannend!

Von Langeweile kann da wohl nicht die Rede sein – oder?

Schnell: Auf keinen Fall. Zum kommunalen Seniorenbeirat kommt ja auch meine Tätigkeit als Vorsitzender der Kreisseniorenvertretung Steinfurt. Auch dort gibt es eine erhebliche Menge an Arbeit. Weiterhin bin ich Rundfunkrätin beim WDR in Köln mit durchschnittlich zwei Sitzungen im Monat. Außerdem wurde ich in einige Arbeitsgruppen berufen, die sich mit seniorenrelevanten Themen beschäftigen. Meine Familie – mein Mann und meine Kinder und Enkel – versichern mir überzeugend, dass mein Entschluss zur Beendigung meiner Landestätigkeit richtig sei. Und diese Aussage zählt.

Westfälische Nachrichten vom 2. August 2019